Wie man Supermillionär wird

Wie man schnell und ohne große Umstände reich wird, wollte ich schon immer wissen. Die großformatigen Anzeigen in gewissen Magazinen ziehen mein Interesse seit jeher an. Diese magischen Sätze "Wie man mühelos Millionär wird". Untertitel: "Amerikanischer Supermillionär öffnet sein Geheimdossier". Da krallt sich der Blick fest, da muß man weiterlesen. Freilich kommen mir schon beim "Supermillionär" gewisse Bedenken. Ist das ein Milliardär? Oder besitzt er nur eine Million und findet das super?

Egal, ob Millionär oder Milliardär, mir ist alles recht. Seine erste Auskunft führt allerdings nicht sehr weit: "Glauben Sie mir", heißt es, "nicht nur in Ihrem Leben gibt es mehr Sorgen und Kummer als glückliche Stunden. Auch ich erinnere mich noch gut, als die Bank mir ein Darlehen von bescheidenen 200 Dollar ablehnte. Heute habe ich haufenweise Geld dort liegen".

Was heißt haufenweise? Fünfzig 10-Euro-Scheine können auch schon einen Haufen bilden. "Ich erinnere mich nur zu gut an die Zeit, als ein Autoverkäufer übernervös war, weil ich mit meinen Raten um einige Monate im Rückstand war. Flugs ließ er den Wagen abholen. Jetzt bin ich glücklicher Besitzer eines luxuriösen Rolls Royce. Alles bar bezahlt, versteht sich." Schade nur, daß dieser Mensch nicht mitteilen will, wie er das mit dem Rolls Royce gemacht hat.

Einer der Eleven des Supermillionärs teilt mit: "... habe ich in den letzten 45 Tagen 24.000 Dollar mit der Post erhalten. Nochmals besten Dank." Ich wüßte zu gern, wer ihm das Geld geschickt hat und wofür. Man möchte so viel wissen. Allein - es wird nicht verraten. Stattdessen wird der geneigte Leser aufgefordert, ein "Dossier" zu bestellen. "Der Weg zu Reichtum für Faule" heißt es und kostet 49,80 Euro.

Der anonyme Supermillionär verspricht, darin Informationen zu geben, die "das ganze Leben" des Bestellers verändern. Mit dem Einsatz von diesen paar Euro könne man das hundertfache herausholen. Um das zu erreichen benötige man nichts, aber auch gar nichts: keine "Bildung", kein Startkapital, kein "Talent", nur vielleicht ein bißchen Verstand. Jung muß man auch nicht sein. Der Supermillionär nennt als Beispiel eine 70jährige, die "heute ganze Welt bereist und spielend Geld dabei verdient". Wie alt wird sie wohl inzwischen sein? Und wieviele Millionen nennt sie inzwischen ihr Eigen?

Mittlerweile neige ich dazu, dem Supermillionär zu glauben. Denn Geld kann man heute wahrhaftig mit allem möglichen verdienen. Die Anzeige eines Börsenmagazins verspricht: "Heute wieder reich werden". Der Fußballer Diego Maradona hat sich entschlossen, mit Schriftstellerei wohlhabend zu werden. Er hat seine Autobiographie geschrieben und unter dem schönen Titel "Ich bin der Diego" in Buenos Aires vorgelegt. Erstauflage 150.000 Exemplare. Die sind weggegangen wie warme Semmeln. Auch sein jugendliches Alter ist kein Grund für die Befürchtung, zu wenig Stoff vorzufinden. "Meine vierzig Jahre waren wie siebzig", erklärte Maradona. Das leuchtete dem argentinischen Sportfernsehen ein und es zahlte ihm vorab eine Million Dollar. Aber damit nicht genug. Die Banalitäten des Ex-Fußballers sind gefragt. "Ich bin der Diego" soll in 80 Ländern erscheinen - mit den entsprechenden Vorschüssen, versteht sich.

Vielleicht stammt sogar die Anzeige des anonymen Supermillionärs von ihm. Daß Maradona schon auf dem Fußballplatz ein raffinierter Schummler war, weiß jeder. Aber daß man mit raffinierten Schummeleien Millionär werden kann, weiß nicht jeder. Zwar wissen wir inzwischen, daß Schummelei und Lüge Motor der Evolution sind, denn um "zu überleben müssen alle Geschöpfe einander oft betrügen", erklärt der Verhaltensforscher Volker Sommer. Es käme darauf an, bei Mogeleien aller Art keinen Streß zu entwickeln. Wer das schaffe, lebt nicht nur gesünder, er habe auch mehr Erfolg.

Womit wir wieder beim Supermillionär wären, der sein Geheimdossier für uns öffnet. Ein Altruist, dieser Mensch, der es sich nur nicht anmerken lässt und keinerlei Streß entwickelt. Also bitte, überlegen Sie nicht lang, und erwerben Sie das Dossier! Durch Schummelei wird man schließlich klug.

Lothar Schöne

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