Das Schweigen der Paare

Früher tranken Männer Whisky, rauchten filterlose Zigaretten und konnten Kochwäsche nicht von Feinwäsche unterscheiden. Heute trinken sie alkoholfreies Bier, paffen bestenfalls eine Zigarre und sind imstande, nach dem Einkauf die Fenster zu putzen und anschließend ein wundervolles Spaghetti-Gericht mit herrlicher Tomatensauce und geriebenem Parmesankäse zu kredenzen.

Früher existierten auch gewisse Kisten, die besonders gern gewechselt wurden. Ich meine die Beziehungskisten. Wo sind die eigentlich geblieben? Heute spricht niemand mehr von der Beziehungskiste. Es scheint gerade so, als sei sie ausgestorben oder wenigstens in Rente gegangen, wie übrigens auch die Zweierbeziehung. Die gibt es auch nicht mehr. Aber was haben wir stattdessen bekommen? Das Paar? Ist vielleicht das Liebespaar auf dem Vormarsch?

Ich bin mir da nicht ganz sicher, obwohl ja von Liebe wieder gern und oft gesprochen wird, im Alltagsleben und in der Literatur auch. Liebesromane haben großen Zulauf. Nach der Himmelsmacht Liebe besteht wieder Bedarf. Und erinnern wir uns genauer, fällt uns ein: die Beziehungskiste ist eine Erfindung der 70er. Man redete damals nicht gern über Liebe. Das war so ähnlich wie bei Professor Bur-Malottke in Heinrich Bölls Erzählung "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen". Bur-Malottke wollte nicht von Gott reden, sondern lieber von "jenem höheren Wesen, das wir verehren". In den 50ern redete man offenbar nur ungern von Gott, die tausend Jahre zwischen 1933 und 1945 waren noch in zu guter Erinnerung.

In den 70ern dagegen verschmähte man das Wort Liebe und ließ sich lieber in eine Kiste fallen. Himmelsmacht war passé, Amor mit seinem Pfeil galt als unsicherer Kandidat. Wen er traf, soweit wusste man Bescheid, fand meist nicht das Paradies auf Erden, sondern mußte leiden. Besser also man flüchtete in die Zweier- oder Dreierbeziehung, noch besser in die Beziehungskiste. Eine Kiste konnte man schließen, da war Geborgenheit, Stabilität, Sicherheit.

Aber leider auch Dunkelheit. Lange hält das der Mensch nicht aus. Zurück zum Licht, zum Leben, zur Liebe - das konnte nur die Devise sein. Man entsann sich wieder des schönen Worts Liebe. Warum sollte man zugunsten einer Kiste darauf verzichten? Amour fou, Leidenschaft, Abenteuer der Gefühle - dahin drängt's den Menschen ganz allgemein. Jedenfalls in der Theorie, im Luftreich des Geistes.

Doch die Praxis sieht erdenschwer aus. Gerade lese ich eine Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie. Darin wird das "Kommunikationsverhalten" von Paaren untersucht. 1953 schwärmten noch 42 Prozent der verheirateten westdeutschen Frauen davon, daß ihr Mann ihnen ausführlich von seiner Arbeit erzählt. 1979 war die Bilanz schon karger: nur noch 29 Prozent waren mit dem Redefluß ihres Gatten zufrieden. Und im Jahr 2002 schrumpfte diese Zahl auf 16 Prozent. Die Liebespaare, der Kiste endlich entflohen, reden immer weniger miteinander.

Ich habe da einen übeltäter im Verdacht, der an dieser Malaise schuld ist. 1953 gab es ihn nur in vagen Vorstellungen, 1979 war er schon mit drei Programmen vorhanden, in unserer Zeit aber scheint er die Paar-Kommunikation zu beherrschen. Gut, ich weiß, das Fernsehen hat auch seine guten Seiten (die Simpsons etwa, die ich mit meinem Sohn gucke oder die alten Firma-Hesselbach-Wiederholungen) - doch was ist mit den Sendern, die wie ein Strafgericht über uns kommen? Haben wir Paare das verdient? In der Beziehungskiste war es zwar finster, aber es wurde doch wenigstens gesprochen. Heute sind die einstigen Liebespaare in Stummheit vor der Glotze vereint. "Hol doch mal die Kartoffelchips", sagt er. Sie: "Zu gefährlich, mit Tiermehl gestreckt". Dann wieder Schweigen. Und vorn flimmert auf RTL 2 die "interaktive Show für Singles". So übel scheint mir die Beziehungskiste doch nicht gewesen zu sein.

Lothar Schöne

[zurück zur Übersicht]