Monologitis

Gestern abend in einer Veranstaltung mit Studenten: einer ergreift das Wort, läßt einige Sätze hören, sagt, wie er das Stück Literatur findet, um das es gerade geht. Danach spricht ein anderer, erklärt, wie er die Sache sieht. Anschließend spricht eine junge Frau und macht weitschweifig deutlich, welcher Auffassung sie ist.

So geht das noch eine ganze Weile, bis mir die Augendeckel herunterfallen. Keiner ist auf den anderen eingegangen, niemand hielt es für nötig, auch nur einen Gedanken oder Aspekt seines Vorredners aufzugreifen, zu widerlegen oder zu unterstützen. Jeder monologisierte vor sich hin bis zur Schlafgrenze seiner Nachbarn.

Vor ein paar Tagen bei "meinem" Italiener: ich ließ mich an Tisch nieder, blätterte unschlüssig in der Karte und hörte, am Anfang gelangweilt, dann immer interessierter, wie ein Gespräch am Nachbartisch ablief. Ein Paar, Mitte dreißig etwa, unterhielt sich. Unterhielt sich? Er erzählte ihr von seinen Abenteuern am Computer. Wie er im Internet surfe und auf was für "abgefahrene Leute" man da stoße. Sie nickte. Dann berichtete er von seinen Kollegen in der Bank, widerwärtige Gesellen, die den ganzen Tag an Intrigen bastelten. Sie bestätigte mit Kopfnicken. Unvermittelt sprach sie von einem Film, den sie sich unbedingt ansehen müsse. Ja, ja, meinte er kurz und begann seine schlimmsten Krankheiten darzulegen.

Ich trank mein Bier schnell aus und verließ "meinen" Italiener. Auf dem Weg durch die Altstadt überlegte ich, ob ich nicht ebenfalls von dieser Krankheit befallen sei und es nur noch nicht bemerkt hatte. Litt auch ich an Monologitis? Also an krankhaftem Monologisieren, ohne auf das Gegenüber einzugehen. Finden überhaupt noch richtige Gespräche statt oder reden alle nur noch vor sich hin?

Man kennt das ja: bei einer Veranstaltung über die erhöhten Müllabfuhrgebühren steht jemand auf, verwendet im ersten Satz noch das Wort Müll, um sodann in 95 weiteren Sätzen die Zuhörer darüber zu unterrichten, welch ein leidenschaftlicher Hobbygärtner er ist und wieviel Mühe er mit seinen Tomaten im letzten Jahr hatte.

Bei einer literarischen Lesung, die ich vor kurzem besuchte, las die Autorin schon gar nicht mehr vor. Sie erzählte von ihrem Leben, daß sie zwei Kinder großgezogen habe und es sie nun zum Dichten dränge, Besessenheit gehöre ja dazu, und sie folge schon lange einer inneren Stimme, früher seien ja die Kinder dagewesen, die sie großziehen mußte und die ihr viel Zeit wegnahmen, und am letzten Wochenende habe sie mit Zahnschmerzen gekämpft.

Mit letzter Kraft unterbrach sie der Diskussionsleiter und forderte sie auf, nun ihre Gedichte zu lesen. Ob die Zuhörer davon noch etwas mitbekamen, weiß ich nicht. Ich hatte mich still entfernt. Gut möglich aber, daß das Publikum die Gelegenheit ergriff und nun ebenfalls, jeder für sich, vor sich hinzumonologisieren.

Ist es heute so schwer geworden, dem anderen zuzuhören und bewußt zu folgen? Auf den Gesprächspartner eingehen - schon in der Formulierung liegt eine gewisse Zärtlichkeit. Können wir uns die nicht mehr leisten? Sind wir verdammt zum fortwährenden 'Ich, ich, ich'. Auch wenn das Ich gar nichts zu sagen hat, so sagt es das doch ununterbrochen und ohne einmal das Ohr ins Spiel zu bringen. Zuhören gilt als Schwäche. Wer zuhört, hat offenbar nichts zu sagen.

Um unsere allseits geführten Monologen wenigstens einen würdigen, einen literarischen Anstrich zu geben, möchte ich daher folgendes vorschlagen. Der Sprecher sollte seine Zuhörer mit der Art seines Monologs vertraut machen, seine Funktion gewissermaßen erklären. Es folgt eine längere Ausführung meinerseits, könnte er sagen, ein klassischer übergangsmonolog also, ich bitte um Geduld. Oder, bei einem Tischgespräch: Geliebte Doris, gedulde dich bitte die nächsten zehn Minuten, ich halte nun einen epischen Monolog, bei dem ich auf keinen Fall unterbrochen werden darf! Anschließend darfst du deinen epischen Monolog halten. Wichtig ist auch der sogenannte lyrische Monolog: er findet immer dann Verwendung, wenn es um Gefühle geht, die ausführlich dargelegt werden wollen und bei denen man keinen Einspruch wünscht. Schließlich sollte man auch den Reflexions-Monolog (bei Politikern sehr beliebt), als solchen kenntlich machen. Die Zuhörer können sich nach Ankündigung schleunigst entfernen.

Ich bin vollkommen überzeugt davon, kündigten nur alle Mitmenschen ihre Spezial-Monologe an, wir bald wieder herrliche und völlig unspezielle Dialoge führen würden.

Lothar Schöne

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