Heilsame Lektüren

Als Franz Schubert auf dem Sterbebett lag, hatte er nur einen Wunsch: sein Freund Schober sollte ihm aus einem Abenteuerbuch vorlesen. Arthur Schopenhauer, professioneller Pessimist, sah einen Lichtstrahl in seinem Leben: "Ohne Bücher wäre ich längst verzweifelt". Und Gotthold Ephraim Lessing teilte kurz und bündig mit, was Lesen bedeutet: "Sich wärmen an fremden Feuern".

Seltsam nur, daß solche Auskünfte der Altvorderen nie so ganz ernst genommen wurden. Erst seit einigen Jahren wird das Lesen auch als Möglichkeit der Therapie gesehen. Ich bin durch einen Bekannten darauf gestoßen, einen Krebs-Patienten, der von der Bibliotherapie erzählte. In seiner Reha-Klinik gebe es regelmäßige Poesie-Lesungen. Die Kranken lauschen der Vorleserin, einer Bibliotherapeutin, und während sie zuhören, versetzen sie sich in die erzählte Geschichte, identifizieren sich mit dieser oder jener Person, erfahren, wie fiktive Figuren sich in krisenhaften Situationen verhalten - und all das hilft ihnen in ihrem eigenen schweren Lebensabschnitt.

Vielleicht könnte man sogar sagen, das Zuhören verschafft ihnen ein Glücksgefühl. Die meisten von uns kennen solche Gefühle. Von der Kindheit wehen sie uns nebelhaft an. Kinder suchen solche Erlebnisse, sie wollen in eine andere Welt eintauchen und die langweilige Umwelt hinter sich lassen.

Und warum fällt uns Erwachsenen das so schwer? Lesen ist uns in der Schule und noch mehr auf der Hochschule als rationaler Vorgang erklärt worden. Lesen degenerierte auf die Weise zum bloßen 'Sichinformieren', zur Wissensaufnahme, zum Stopfen von Bildungslücken. Daß Lesen auch eine ganz andere Dimension meint, wird heute durch die Bibliotherapie wieder entdeckt. Nicht ohne Grund hieß die Inschrift über dem Eingang zur berühmten antiken Bibliothek in Alexandria

"Heilstätte der Seele".

Interessant finde ich auch, daß das Vorlesen eine große Bedeutung gewinnt. Wie mein Bekannter berichtete, sitzen die Patienten in einem Kreis und lauschen der Stimme der Therapeutin, die ein Stück Literatur vorliest. Sofort dachte ich an unsere Urahnen. Saßen sie nicht einst ums Feuer und erzählten sich Geschichten? Wem es nicht gelang, das Interesse der Zuhörer wach zu halten, dem konnte es übel ergehen. Die Sitten waren robust damals. Gefahren dieser Art drohen der Bibliotherapeutin heute nicht. Sie hat Glück. Das Glück, auf bewährte Vorlagen zurückgreifen zu können. Leo Tolstois "Anna Karenina" gehört dazu, Goethes "Werther", Fontane "Effi Briest". Lesen tut gut, und vorgelesene Klassiker sind offenbar eine heilsame Lektüre, weil sie so etwas wie Glücksgefühle auslösen können.

Eigentlich inszeniert der literarische Text ja einen Konflikt, ein Unglück, ein Dilemma. Solche Umstände bewirken zunächst einmal Unlustgefühle, wenn nicht, ja wenn nicht mit viel Kunstfertigkeit Auswege gezeigt würden. Der Held stürzt in ein Unglück, doch er findet Möglichkeiten, sich daraus zu befreien. Genau dieser Vorgang, wenn er spannend dargestellt wird, weckt Gefühle, schafft Anteilnahme, vermittelt Vergnügen. In 'Der kleine Prinz' von Saint-Exupéry wird das exemplarisch vorgeführt. Der Erzähler ist in der Wüste abgestürzt, seine Lage scheint hoffnungslos, bis ihm im kleinen Prinzen eine ganz andere Lebensmöglichkeit gegenübertritt.

Es gibt Untersuchungen, die festgestellt haben, daß Leser fast immer aktive Menschen sind. Ob sie auch glücklicher sind? Nachweisbar ist es nicht, aber naheliegend. Denn Geschichten am Feuer zuzuhören erweitert das Leben, macht es reicher und praller. Oder, wie mein Bekannter sagte: "Seelisch gesehen geht es mir immer besser".

Lothar Schöne

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