Plädoyer für den Fußgänger des Jahres

Auf einem schmalen Trottoir kommen sich zwei Männer entgegen. Der eine sieht partout nicht ein, weshalb er den Gehsteig verlassen soll und fordert den anderen auf, ihm aus dem Weg zu gehen: "Ich mache doch nicht jedem Esel Platz". Der andere verläßt den Bürgersteig mit den Worten: "Ich aber".

Das ist leider nur eine Anekdote. In Wirklichkeit sieht es auf unseren Gehsteigen ganz anders aus. Man eilt aufeinander zu - aber nicht, um sich kennenzulernen, sondern um Vorfahrt zu erzwingen. Auf Zebrastreifen stürmen die eben noch brav Wartenden plötzlich in die Gegenrichtung los, das Wechselfieber ist ausgebrochen, und manchmal hilft dabei ein Schirm oder Spazierstock. Nur wenige wollen ausweichen, etliche dagegen müssen klein beigeben, weil sie älter oder schwächer sind.

Zahlen gibt es keine über Fußgängerzusammenstöße. Selbst wenn ein Gerammter auf der Strecke bleibt, gilt das nicht als Unfall, sondern als unerklärliches Verhalten emotionaler Menschen - geradeso als sei das Fehlerhafte des Menschen seine Emotionalität. Ein noch zu gründender ADFC (Allgemeiner Deutscher Fußgänger Club) sollte das mal genauer untersuchen. Mir aber scheint schon jetzt, daß unsere Vorstellung von absoluter Aggressionsfreiheit ins Reich der Illusionen gehört. Fünfzig Jahre Frieden und die Gewöhnung an ein hohes Maß an innerer Sicherheit haben ausgereicht, fest daran zu glauben, daß die Menschen im Grunde friedlich und lieb sind.

Nur zeigt ein Blick auf unsere Straßen anderes. Und die Unfälle dort stellen ja nur die Spitze des Eisbergs dar. Die nirgendwo erfaßten Zusammenstöße in Fußgängerzonen, in Büros, in Kaufhäusern sind vielleicht nicht so dramatisch, aber mitunter tiefgreifender. Es muß nicht unbedingt Schlimmes dabei passieren, eine Sakkostauchung, eine kaputte Brille - und doch hat jemand eine Niederlage erlitten. Und auffallend ist, daß keiner ausweichen wollte. Ausweichen, das soll gefälligst der Andere.

Der Firnis an zivilisatorischer Sicherheit ist viel dünner als wir wahrhaben wollen. Warum sollten Fußgänger auch prinzipiell friedlicher sein als etwa Autofahrer. Der Stärkere will hier wie dort Platz gemacht haben. Da ist guter Rat teuer. Ich weiß, die Psychologen versuchen uns schon seit Jahrzehnten klar zu machen, daß skrupellose Egoisten nicht geboren, sondern erzogen werden, daß Kinder Toleranz, Mitgefühl und Mut in der Familie lernen müssen und daß man schon die Gewaltausbrüche Zweijähriger im Sandkasten nicht dulden dürfe.

Mit allem einverstanden. Wir sollten erziehen und nochmals erziehen. Vor allem uns selbst. Unsere Entwicklungspsychologen müssen auf jeden Fall Recht behalten. Bis es soweit ist, könnte uns vielleicht eine kleine Erkenntnis weiterhelfen. Möglicherweise ist das Potential an Agressivität eine feste Größe, global und historisch und vor allem individuell gesehen. Möglicherweise läßt sich Aggression bestenfalls bändigen, nie aber ganz aus der Welt schaffen. Vielleicht sogar ist Aggressivität als Regelverletzung nötig, um sich des anderen, des friedfertigen Potentials zu vergewissern.

Am Ende hat das Aus-dem-Weg-Geheische etwas mit der hohen Bevölkerungsdichte in Deutschland zu tun. Schließlich finden überall Verdrängungskämpfe statt. Ob im vollen Schwimmbad, wo der Rückenschwimmer stur nach hinten schlägt oder im Supermarkt, wo der Einkaufswagen zur Platz-da-Waffe umfunktioniert wird. Der Rythmus der Egoismen könnte eventuell auch dadurch aufgelöst werden, indem die Bevölkerungsdichte abnimmt. Werdet weniger! wäre eine überlegenswerte Devise. Auf daß jeder wieder ungestört seines Weges ziehen kann.

Wenn diese Lösung vom Finanzminister untersagt wird, wäre wiederum der Allgemeine Deutsche Fußgänger Club gefragt. Er sollte einen Bußgeldkatalog erarbeiten, in dem ruppige Fußgänger zur Kasse gebeten werden. Auch müßten vorbildliche Fußgänger ausgezeichnet und Preise verliehen werden für sozialverträgliche Fußgänger. Auf jeden Fall sollte es in Zukunft den Fußgänger und die Fußgängerin des Jahres geben. Hilfreich wäre auch, sich immer mal wieder die Anekdote von jenem Fußgänger in Erinnerung zu rufen, der freiwillig das Trottoir verließ.

Lothar Schöne

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