Wegstrudeln im Denglisch

Bei einem Bummel durch die Stadt ist mir dieser Tage ins Auge gesprungen, woran man sich schon zu gewöhnen beginnt. Gibt es eigentlich irgendwo noch eine Bäckerei? Oder heißen jene Geschäfte, in denen man Brot und Brötchen kaufen kann, alle schon "back-shops"? Die althergebrachte Parfümerie existiert auch nicht mehr. Moderne Menschen treffen sich am "beauty point" und lassen sich Düfte um die Nase blasen, die natürlich zu einem "nice price" verkauft werden. Das ist vielleicht ganz nett, aber noch netter wird es, wenn man sich in einem Kaufhaus nach einer Lichtgirlande erkundigt. Dann heißt es ganz selbstverständlich: "Ah, Sie meinen das nice light". Als wäre Deutsch eine Fremdsprache, die erstmal übersetzt werden muß. Man fühlt sich ertappt und gesteht errötend, daß man eben das gemeint habe. überhaupt sind die Kaufhäuser Vorreiter, was moderne Sprache angeht. Denn hier kann man auch den "Jeans store" besuchen und "young fashion" bewundern. Am schönsten ist es freilich, einen Rundgang durch den "More and More-Shop" zu unternehmen. Keine Angst, viel Neues gibt es nicht zu sehen, der Anglizismus will einem lediglich weismachen, hier in einem totalen Kaufrausch wegzustrudeln.

Hat man den "More and more-Shop" überstanden, wartet die "Media-World" auf den willigen Konsumenten. Hier gibt es Bücher. Aber "Bücher" - welch ein schlichter und noch dazu deutscher Ausdruck! In der "Media-World" ist schließlich auch das "Surf-inn" zu begutachten, und vergessen wir nicht den beliebten "Handy-Shop".

Ernüchtert verlassen wir die Kaufhauswelt. Doch auch auf der Straße erwartet uns sprachliche Unbill. Sonderangebote werden im Schaufenster groß mit "Sale" angepriesen, und gern wird "Men's knitwear" verkauft. Die Käufer werden mit Tüten entlassen, auf denen die schöne Aufschrift prangt "Nothing but clothes".

Ich habe es schon lange vermutet, jetzt aber bin ich sicher: Deutschland liegt direkt neben Arizona, es ist der 51. Bundesstaat der USA. Kürzlich ist eine Ausstellung eröffnet worden unter dem Titel "East meets west". Mitunter werden auch so schöne Dinge wie "Round-ups" veranstaltet. Mir ist entgangen, um was es sich dabei handelt, aber rund wird es schon zugegangen sein. Wenn die Stadt den Jugendlichen Veranstaltungen anbietet, dann unter dem Titel "Hot times for cool days".

Und jetzt betätigen sich bereits die Modeschöpfer, früher auch als Schneider bezeichnet, als Sprachschöpfer. In einem Interview hat die Hamburgerin Jil Sander das Design folgender Formulierungen geschöpft: ihr Leben sei "eine giving story", sie habe verstanden, daß "man contemporary sein" und "das Future-Denken haben muß".

Aber sollen wir uns damit zufrieden geben? Mit einem bißchen Future-Denken aus der Modebranche? Ich plädiere für selbstschöpferische Weiterentwicklung der deutschen Sprache in die Kunstsprache Denglisch, eine Mischform aus Englisch und Deutsch, wobei freilich das Englische Vorrang haben muß, denn schließlich will man ja verstanden werden. Im folgenden möchte ich einige Anregungen geben, wie die deutsche Umgangssprache weiter bereichert werden kann: Kirchenbesuche sollten in Zukunft "church-ins" heißen; Politiker sollten als "polit-actors" bezeichnet werden, jene der Grünen als "left-outs", die der CSU als "right-outs". Literarische Lesungen firmieren natürlich als "read-ons". Das altmodische Wort Bahnhof wird gestrichen; "railway station" klingt viel fortschrittlicher, zumal es bereits dort den "Service-Point" gibt. Die Post sollten wir nicht länger als Amt bezeichnen, sondern als office, das hört sich halt so richtig contemporary an, gell? Und Gnade, ich meine natürlich mercy für die Sprachverhunzer sollten wir nicht länger gewähren. (Motto: "No mercy for the language-verhunzers"). Sonst sitzen unsere Kinder demnächst vor einem Gedicht von Heinrich Heine und staunen, in welch einer merkwürdigen, aber leider völlig unverständlichen Sprache es geschrieben ist.

Lothar Schöne

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