Banausen und andere Kunstfreunde

Deutschland ist das Land der Dichter und Denker! Gewiß, wer wüßte es nicht. Die Kunst wird hochgehalten, und von ihren Schöpfern wird nur mit allergrößtem Respekt gesprochen. Welches Ansehen Künstler tatsächlich hierzulande haben, ist mir an einem häßlichen Beispiel gerade wieder einmal deutlich geworden. Eine Malerin hatte mit dem Manager eines großen Hotels ihrer Stadt, nennen wir es Mainz City-Hilton, eine Vernissage ausgemacht. Zwei Wochen vor dem vereinbarten Termin kam sie noch einmal ins Hotel, um sich die Räumlichkeiten anzusehen. Ein paar Kleinigkeiten waren noch zu besprechen. Es galt, ein paar Flaschen Sekt und Saft kalt zu stellen, um die Gäste einigermaßen bewirten zu können.

Sie fiel aus allen Wolken, als ihr der Hotel-Manager klarmachte, daß die Bewirtung natürlich sie selbst zu tragen hätte. Freilich, entgegenkommend wolle er sich schon zeigen. Den Sekt und Saft könne sie zu Hauspreisen bei ihm beziehen. Die Künstlerin war sprachlos. Sie, eine namhafte Malerin, war im Begriff, die Lobby des Hotels zu verschönern, ganz ohne Gage, und nun erwartete man von ihr, auch noch für die Getränkekosten aufzukommen.

Ein starkes Stück, fürwahr. Wie ist es zu erklären? Ist das Banausentum bei manchen Hotelmanagern so weit fortgeschritten, daß sie nur noch in Pfennig und Mark zu denken imstande sind? Der Mann vom Hotel gab der Künstlerin obendrein zu verstehen, daß sie eigentlich doch froh sein könne, ihre Bilder ausstellen zu dürfen. Für ihn sei das sowieso nur ein Verlustgeschäft. Im Klartext: Kunst und Künstlerin sind dem Mann völlig schnuppe. Er sieht in ihren Bildern eine Möglichkeit, sein Haus ein wenig aufzupeppen. Die Wände blieben sonst so schrecklich leer, daß man es nicht aushalten könnte. Kunst als Verzierung, als Ornament, als Füllsel. Sollen doch die Künstler dafür bezahlen, daß sie ihre Pinseleien ausstellen dürfen.

Ein Einzelfall? Ich fürchte nicht. Das örtchen Schwerte, das sich selbst Stadt nennt und am Rande des Sauerlandes vor sich hinexistiert, hat eine "Autorenresidenz" ausgelobt. Für 50.000 Mark soll ein Dichter in die Stadt gelockt werden. Das klingt zunächst einmal gar nicht übel. Sieht man sich das Projekt freilich genauer an, entpuppt es sich als pure Unverschämtheit. Zunächst einmal erwarten die Stadtoberen und die örtliche Sparkasse, die das Geld spendiert, daß sich ausschließlich Autoren/innen "von Rang" bewerben. Er oder sie sollten zumindest Nobelpreiskandidaten sein. Vorgelegt werden muß allerlei: Weithin beachtete literarische Publikationen, eine Pressemappe, in dem der Autor seine Beachtung dokumentiert, Referenzen von Literaturkritikern und -wissenschaftlern, eine ausführliche Begründung für die Eignung des Stipendiums, ein Essay darüber, was er/sie alles in Schwerte anstellen wollen, und - zu schlechter Letzt - soll der werte Dichter eine schriftliche Erklärung abgeben, daß er seinen Verpflichtungen auch nachzukommen gedenkt. Das alles in dreifacher Ausfertigung!

Wem es hier noch nicht schwummrig wird, ist selbst schuld. Denn nun folgen die "Verpflichtungen". Der Autor oder die Autorin muß wenigstens fünf Monate in dem sauerländischen Flecken leben - auf eigene Kosten. Er/sie soll während dieser Zeit durchs Städtchen streifen und Bürger und Einrichtungen kennenlernen ("Sie sind also der Standesbeamte! Was tun Sie denn so?"). Sodann soll er/sie ein Manuskript über die Stadt erstellen ("150 Normseiten", Rechte gehen an die Sparkasse über), das höchsten literarischen Maßstäben gerecht werden muß. Für das Buch erhält er keinen Pfennig. Statt dessen erwarten die Kulturgewaltigen des Ortes, daß er zehn (!) Lesungen kostenlos veranstaltet. Wahrscheinlich wird man ihm kurz vorher mitteilen, daß er natürlich für Getränke und Speisen selbst zu sorgen hat. Auch aus seinem Buch über Schwerte muß er vorlesen, natürlich unentgeltlich, und für Diskussionen ("Warum haben Sie nicht festgestellt, daß Schwerte gewisse ähnlichkeiten mit Paris hat?") ebenfalls bereitstehen. Und das Honorar, ja, das liebe Honorar, erhält er nur in Teilbeträgen und erst ganz zum Schluß gibt's den Löwenanteil. Unsicheren Kandidaten wie Künstlern kann man nicht viel Geld anvertrauen.

Also ich finde, daß es dem Flecken Schwerte und seinen Kulturträgern etwas an Phantasie mangelt. Man könnte doch auch erwarten, daß der Autor eine Strip-Show auf dem Marktplatz anbietet. Oder daß er auf dem Kopf stehend Tagebuch schreibt. Oder in einer Schule die Lehrer in die Ecke stellt und Schwitters Ursonate singt. Hier sind allerhand Möglichkeiten ungenutzt geblieben. Aber eine nicht. Die Stadt Schwerte beweist, wie über Künstler hierzulande weithin wirklich gedacht wird: es sind arme Schlucker, mit denen man alles machen kann. Bei diesem Gedanken fühlen sich Spießer und Banausen sauwohl. Und wissen gar nicht, wie arm sie selbst dran sind.

Lothar Schöne

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