Umschlagtext In der Presse... Leseprobe Fremdsprachige Ausgaben

Das jüdische Begräbnis. Roman.

Eine groteske Erzählung über die Beerdigung einer Jüdin im zeitgenössischen Deutschland.

Orignalausgabe bei Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996 (vergriffen).

Neu: dtv, München 1999, 167 S., 8,64 €.

 

Umschlagtext

Mama ist gestorben. Der Ich-Erzähler fährt nach Frankfurt, um die Begräbnisformalitäten zu regeln - und stößt auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Seine Mutter war Jüdin, der schon vor Jahren verstorbene Vater Christ und ihre Liebe zueinander stärker als die Macht der Nationalsozialisten. Die Mutter hat den Faschismus überlebt. Nun verhindern religiöse Gesetze, daß sie neben ihrem Mann nach ihrem Glauben auf dem christlichen Friedhof beigesetzt wird. Erst nach vier turbulenten Tagen und intensiven Auseinandersetzungen mit der eigenen Geschichte wird das Problem gelöst ...

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Taschenbuch  dtv 2000

In der Presse

"Ein seltenes Stück Literatur ist hier entstanden: anrührend, komisch und spannend zugleich."
Süddeutscher Rundfunk
 
"Die Geschichte wirkt wie ein Film vonWoody Allen, so leicht und zugleich doppeldeutig - zum Schluß sind wir auf unmerkliche Art klüger geworden: über uns und das ungereimte Leben."
Gert Ueding, Focus
 
"´Das jüdische Begräbnis´ gehört zu den seltenen Büchern, die auf leise, eindringliche Art von Dingen sprechen, vor denen unsere laute Multimedia-Welt ganz schlicht und einfach versagt."
Ulrich Baron, Rheinischer Merkur
 
"Eine ergreifende Erzählung, die mit leisen, manchmal melancholischen Tönen differenziert, skeptisch, bohrend die zeitgenössische jüdische Befindlichkeit erzählerisch reflektiert."
Werner Wunderlich, Evangelische Kommentare
 
"Der Leser wird magisch hineingezogen in den Kern dieser durch hintersinnigen Humor abgefederten Auseinandersetzung - eines der wichtigsten Bücher des Jahres."
Die Weltwoche
 
Diese Erzählung bleibt über weite Strecken derart oberflächlich und durchsichtig, daß sie ihrem Thema keineswegs gerecht wird.
Roland Kroemer, Deutsche Tagespost
 
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Leseprobe

Mama ist gestorben. Das Telefon klingelte. Ich schreckte aus dem Schlaf. Eine Stimme behauptete, das Altersheim zu sein. Sie bedauerte den Anruf. Ihre Mutter ist gestorben. "Wann?" fragte ich und achtete nicht mehr auf die Antwort. "Ich komme sofort", sagte ich leise, bevor ich auflegte. Ich ging ins Badezimmer und rasierte mich. Ich zog glatte Streifen mit der Klinge in den Schaum und dachte an Landebahnen. Sie verschmolzen miteinander. Schaumränder standen wie Schmutzecken im Gesicht. Ich wusch sie weg und sah mein Gesicht im Spiegel. So lange lebst du, und heute ist Mama gestorben. Ich drückte einen Streifen Zahnpasta auf die Bürste. Die Zähne waren pelzig. Ich beugte mich zum fließenden Wasser und ließ es aufs Gesicht und in den Mund laufen. Ich streckte dem Spiegel die Zunge entgegen. Sie war grau.

Ich ging hinüber zum Telefon und wählte. Judith, meine Frau, meldete sich sofort in der Kanzlei. Ich sagte: "Mama ist gestorben." Die Leitung blieb stumm. Es schien mir auf einmal, als habe ich sie gar nicht angerufen, sondern halte den Hörer ans Ohr, um der Welt zu lauschen. Sie antwortete nicht. Nach einer Weile hörte ich ein Schluchzen. Ich fragte: "Bist du's?", und sie sagte, sie riefe wieder an. Ich wurde nervös, nachdem ich aufgelegt hatte. Es kam mir vor, als müsse ich die Wand hinauflaufen, quer über die Decke und auf der anderen Seite wieder herunter. Ich riß den Kleiderschrank auf. Ich sah nichts Schwarzes. Wenigstens eine schwarze Krawatte. Da hing nur eine dunkelrote. Ich zog ein weißes Hemd an und Hose und Jacke vom Vortag. Die dunkelrote Krawatte steckte ich in die Jackentasche.

Das Altersheim lag in Frankfurt am Main, eine halbe Stunde von uns entfernt. Als ich auf die Straße trat, kam Judith um die Ecke gelaufen. Sie gab mir einen Kuß und sah mich erschrocken an. Während der Fahrt redeten wir nicht. Erst kurz vor Frankfurt erzählte sie mir, daß sie nicht alle Termine hatte absagen können. Ich nickte und lenkte den Wagen durch den Vormittagsverkehr. Vor zwei Tagen hatte ich Mama noch gesehen. Mir fiel plötzlich ein, daß ich die Stimme des Altersheims nicht gefragt hatte, wie sie gestorben sei. Ich habe nach gar nichts gefragt. Wie? Warum? Wozu? Die allereinfachsten Fragen hatte ich vergessen zu stellen.

Vor vierzehn Tagen war sie operiert worden. Oberschenkelhalsbruch. Der Arzt: Routineoperation. Die Schwestern nach zwei Tagen: Es geht ihr phantastisch. Eine Woche danach wurde sie entlassen. Sogar laufen konnte sie mit einem Gehroller. Als ich sie besuchte, wirkte sie noch ernster als zuvor. Der Mund ein Strich. Ich sagte zu ihr, sie könne mit dem Gehroller fast schon Rollschuh laufen. Sie lachte nicht. Vielleicht hatte sie es auch nicht gehört. Es war ein dummer Scherz.

Als wir ankamen, wollte ich sie sofort sehen. Aber wir mußten ins Büro. Die Frau des Heimleiters erklärte, daß ihr Mann verreist sei und sie ihn vertrete. Ich sagte: "Ich will zu meiner Mutter" und wollte gehen. Sie sagte: "Ihre Mutter liegt nicht mehr im Zimmer. Sie liegt in der Leichenhalle." Ich spürte Zorn aufsteigen. Ich fragte die Frau des Heimleiters, warum sie nicht in ihrem Zimmer hatte bleiben können. Wir seien doch sofort gekommen. Sie entgegnete etwas, das mir schnippisch vorkam. Ich fuhr sie an und beruhigte mich erst wieder, als ich Judiths Hand auf meinem Arm spürte. Später las ich, daß man nur den Brauch befolgt hatte. Der Verstorbene solle auf den Fußboden gelegt und bald darauf unter die Erde gebracht werden.

Noch immer erregt, ging ich mit der Frau des Direktors in den Keller. Sie führte mich bis zu einer Eisentür, ließ mich hinein und schloß sie sofort wieder hinter mir. Ich blieb an der geschlossenen Tür stehen. Das Zimmer war etwa dreißig Quadratmeter groß und weiß gekalkt. Gegenüber der Tür führte ein Lichtschacht nach oben. Es war kühl hier, aber düster wirkte der Raum nicht, helles Licht durchflutete ihn, und mir wurde auf einmal die Jahreszeit bewußt, Sommer. Mich ergriff eine merkwürdige Unruhe. Ich war nicht imstande wegzulaufen. Ich konnte mich überhaupt nicht von der Stelle rühren. Für Sekunden kam es mir so vor, als stehe ich am Ufer eines aufgewühlten Sees. In der Mitte des Raumes stand eine hohe eiserne Liege. Unter dem Leichentuch erkannte ich die Umrisse eines Menschen. Ich fing an zu gehen. Langsam kam ich näher. Als ich am Kopfende angelangt war, konnte ich mich nicht entschließen, das Tuch zurückzuschlagen. Aber so stehenbleiben wollte ich auch nicht. Das Herz wurde mir eng. Eine Ewigkeit stand ich nun schon so da. Die Zeit schien festgezurrt, und Schaumkronen umwogten mich. Schließlich ergriff ich das auf meiner Seite herunterhängende Ende des Leinens und schlug es nach oben.

Mamas Gesicht. Es sah seltsam entspannt aus. Ihre Augen waren geschlossen. Ich nahm ihre linke Hand in meine Hände und sprach zu Mama. Ich sagte ihr, wie sehr ich sie liebhabe und daß alle Leiden für sie vorbei seien. Ich sagte ihr, daß sie gestorben sei und keine Angst mehr zu haben brauche. Sie werde nicht mehr nachts aufwachen und schreien, sie werde nicht mehr grübeln müssen, sie werde keine schwarzen Gedanken mehr haben und sich sorgen müssen um Fred oder mich. Jetzt kannst du vergessen. Ich merkte plötzlich, daß Tränen auf ihre Hand tropften. Mein Rücken schmerzte, als stünde ich mit einer Riesenlast neben ihr. Ich redete aber weiter, als dürfe ich mich nicht aus dem Konzept bringen lassen.

Dabei wiederholte ich nur. Ich gab ihr einen Kuß auf die Stirn. Ich strich ihr über das grauweiße Haar. Ich sagte ihr, daß alles vorbei sei. Ich erzählte ihr, wie lieb ich sie habe. Es schien, als höre sie mir aufmerksam zu, während sie vorgab zu schlafen.

Hinter mir ging die Tür auf und wurde ins Schloß gezogen. Ich drehte mich herum. Es war Judith, die am Türpfosten stehenblieb. Ich nickte ihr zu. Sie näherte sich. Sie nahm Mamas Hand in ihre Hände. Ihre Lippen bewegten sich, aber ich hörte nichts. Dann ging sie wieder. Ich hätte mich gern gesetzt, aber es war kein Stuhl da. Mir fiel ein, daß ein Arzt ihr vor vielen Jahren Müdigkeit, Gehschwäche, Angstzustände, allgemeine Unlust und Lebensüberdruß bescheinigt hatte. Verzweifelt sei sie über ihr schlechtes Befinden, suizidgefährdet. Keine speziellen Wahnthemen, hatte er notiert. Und als Diagnose angef¨gt: Spätinvolutions-Depression. Wenn die Verzweiflungsstimmung nicht aufhöre, müsse man auf Limbatril übergehen.

Von einem Nervenarzt bist du zum andern geeilt, immer in Hoffnung, immer in Erwartung. Dein Leben war ja ein Reigen. Ein Reigen der Fachärzte und Kliniken für Nerven- und Gemütskrankheiten. Wie geht es dir jetzt? Ist die Unruhe noch da? Lebenssatt sterben, ein schönes Wort. Du hattest dieses Leben einfach nur satt. Nun ist es abgestreift, vorbei, du hast es überlebt.

Mir schwirrte plötzlich die Frage durch den Kopf, wie lange man bei einem Verstorbenen bleiben könne. Ich sah Mama an, und sie schien zu lächeln. "Ich gehe jetzt", sagte ich, und streichelte ihr die Hand. "Grüß und küß Papa von mir und all die anderen, die ich nie kennengelernt habe." Ich zog das Leinentuch über ihren Kopf. An der Tür drehte ich mich noch einmal herum. Alles hatte sich beruhigt. Ein glatter See. Unter dem weißen Leinen lag nur noch ein Leichnam. Der Raum war voll von Sommerlicht.

Vor der Tür standen mehrere Leute, die nur darauf gewartet zu haben schienen, daß ich herauskam. Die Frau des Heimleiters beäugte mich mißtrauisch. Judith sagte leise: "Sie wollen Mama in die Leichenhalle bringen." Ich sah die Frau des Direktors an: "Muß das sofort sein?" Sie nickte und deutete auf zwei Männer hinter sich: "Der Wagen ist schon da." Erst jetzt erkannte ich Schwester Frieda im Hintergrund. Sie hatte sich in den letzten zwei Jahren um Mama gekümmert. Ich ging zu ihr, sie gab mir die Hand und drückte ihr Beileid aus. "Wie ist meine Mutter gestorben?" Schwester Frieda erzählte, daß Mama am Morgen ein Bad nehmen wollte. Sie sei zu ihr gegangen und habe sie ins Badezimmer geführt. Mama habe sich in einen Stuhl gesetzt, während sie das Wasser einlaufen ließ. Nachdem sie die Temperatur des Badewassers geprüft hatte, wollte sie Mama holen. Aber ihr Körper war zusammengerutscht und ihr Kopf auf die Schulter gesunken. Sie habe sofort den Arzt gerufen, der den Tod feststellte.

Ich nickte, als sei alles richtig erzählt. Und ich dachte, genau so wollte sie sterben. Einen solchen Tod hatte sie verdient. Einen schnellen und schmerzlosen Tod.

 
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Fremdsprachige Ausgaben

" Das jüdische Begräbnis " ist in hebräisch, slowenisch, französisch und niederländisch erschienen.  
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