Schall und Rauch

„Christa Schlück war sehr zufrieden, nachdem sie das Kondom wieder versiegelt hatte. Es war früher Morgen, und ihr Mann schlief noch. Doch in einer halben Stunde würde er aufwachen, sich duschen und rasieren und wie üblich sich an den gedeckten Frühstückstisch setzen, und während er seinen Kaffee schlürfte ihr ein paar Nachrichten hinter der vorgehaltenen Zeitung zumurmeln. Sie würde wie immer ihren Kommentar dazugeben, den er aber nicht wahrnahm, und schließlich würde er aufstehen, ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange drücken, um aus der Wohnung zu eilen. Wichtig war nur, dass er das richtige Sakko nahm. Sie hing es sorgfältig über den Stuhl und verstaute in der versteckten Innentasche jene Kleinigkeit, die er auch sonst mit sich trug. Es handelte sich um das von ihr sorgfältig präparierte Kondom, und während sie daran dachte, huschte ein diabolisches Grinsen über ihr Gesicht. Doch da klingelte das Telefon ...“ (aus: „Die wahre Todsünde“)

 

Die unsichtbare Bruderschaft

„Die Luft war eisig, der Wind blies schneidend, und der Himmel thronte als purpurnes Gebirg über ihm. Das Wasser schimmerte schwarz, und die Wellen schwappten so gleichförmig gegen den Bug, als wären sie von unsichtbarer Hand aufgezogen. Wer jetzt hier eintauchte, dachte der junge Mann, den würde der Fluss nicht mehr so schnell freigeben. Und die Ufer kamen ihm weit entfernt vor, viel zu weit, um sie schwimmend zu erreichen. So breit und mächtig hatte er sich den Rhein nicht vorgestellt.
Man schrieb den 18. Februar 1779, und in der Ferne tauchten schon die Lichter der Stadt auf, die der Kahn ansteuerte. Von hinten ertönte eine Stimme, die mitteilte, dass man Mainz bald erreicht habe. Der Skipper näherte sich ihm: „Sehen Sie den Winterhafen? Noch zwanzig Minuten, dann sind Sie erlöst.“ Dieser Binnenschiffer! dachte Georg Forster, er tut gerade so, als wären wir auf dem Pazifischen Ozean unterwegs und als könne jeden Moment noch ein siebenköpfiges Seeungeheuer die Mannschaft verschlingen. Hätte der Rheinschiffer auch nur die geringste Ahnung von seinen Abenteuern – er würde von einer Vergnügungsfahrt reden, die nun ihren Abschluss fand. Doch Forster begab sich zum Heck in eine kleine Koje und verstaute seine Habe in einem Seesack. Unter dem Bettgestell zog er ein verstecktes Kuvert hervor, in dessen rotes Siegel die Initialen RF eingeprägt waren. Er wog es in den Händen, als sei es pures Gold und schob es im Seesack weit nach unten ...“

 

Diva und Domsgickel

„Mainz ist Landeshauptstadt, na klar, Universitätsstadt, Bischofssitz, Mainzelmännchen-Metropole, und sie beherbergt die 05er, einen Fußballverein, auf den alle stolz sind. Und mit alle sind auch alle gemeint. Ganz Deutschland reibt sich die Hände, wenn die 05er wieder mal einen Klub der Superreichen geschlagen haben. Diese Määnzer sind ja sooo sympathisch. Und am Stammtisch beim eigenen kleinen Verein hebt Franz das Bierglas und triumphiert: „Es geht aach ohne viel Geld!“ So was können nur die Fußballer vom FSV Mainz 05 bewirken: die Menschen mit sich selbst ins Reine bringen.
Vor allem aber ist Mainz die deutsche Stadt, die singt und lacht. Wird es entdeckt, in Aachen oder Aschaffenburg, Zweibrücken oder Zwiesel, auf Juist oder Sylt, dass man aus Mainz kommt – sofort ist der Urlaubsspaß vorbei. Ein schunkelseliger Blick folgt, ein unternehmungslustiges Einhaken, und schon ist zur falschen Jahreszeit die Fastnacht in der Fremde ausgebrochen. Mir ist es im fernen Kärnten am Wörther See geschehen, dass mein Auto-Nummernschild entdeckt wurde. „MZ“, rief ein in Badehose dem Eingang zustapfender Sommerfrischling aus und verpasste mir nach guter österreichischer Manier sofort einen Titel: „Herr Hofrat kommen aus Mainz?“ Ich nickte vorsichtig, aber da brach es schon frohlockend aus ihm heraus: „Mainz wie es singt und lacht!“ Er hängte sich bei mir ein und versuchte, auch im Flachwasser des Sees mit mir zu schunkeln. Es war ein hartes Stück Arbeit, ihm zu entkommen ...“

 

Das Labyrinth des Schattens

„Die Wolken lagen wie Kissen im Himmel herum. Knautschig sahen sie aus und strahlend weiß, und ich verspürte Lust, mich in sie hineinzuwerfen, wie ich es als Kind im Bett meiner Mutter getan habe.
Ach, ich liebe solche Illusionen. Dabei ist es nichts als romantischer Blödsinn. Was wird schon geschehen, wenn man mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit durch die Atmosphäre fliegt, herausspringt und sich in ein Wolkenkissen wirft? Diese Gebilde sind furchtbar durchlässig, und wenn die Illusion verrauscht ist, beginnt erst der wahre Fall. Wie ein schwerer Stein fällst du, der aus seinem Traum erwacht. Du fällst und fällst und fällst – wie oft stirbt man dabei eigentlich? Entleert sich der Darm vor Todesangst, bleibt das Herz vor Grauen stehen, gibt das Gehirn das Signal, in Ohnmacht zu fallen, damit man wenigstens den Aufprall nicht spürt? Auf jeden Fall kein angenehmer Tod, falls es überhaupt solche Tode gibt.
Der Mann neben mir blickte ebenfalls durchs Bullauge. Er hatte sich etwas vorgebeugt, sah an meinem Gesicht vorbei, und ein leichter Duft von Sandelholz erreichte meine Nase, gar nicht unangenehm. Sein Mund begann zu sprechen: „Wunderbar dieser Blick, immer wieder grandios. Und das Schönst ist, dass wir ihm glauben.“ Ich drehte mich leicht zu ihm: „Ihm glauben?“ – „Na, dem Blick, man hält die Wolken da draußen doch für eine stabile Angelegenheit. Sie wirken so, als könne man sich in sie hineinwerfen. Das Auge lässt sich zu gern täuschen.“ Für einen kurzen Moment schaute ich ihn an, ein kühles Lächeln kam mir entgegen. Mein Kopf sank nach hinten. Nichts hatte man für sich allein, nicht einmal einen Gedanken ...“

 

Plädoyer für den Fußgänger des Jahres

Auf einem schmalen Trottoir kommen sich zwei Männer entgegen. Der eine sieht partout nicht ein, weshalb er den Gehsteig verlassen soll und fordert den anderen auf, ihm aus dem Weg zu gehen: "Ich mache doch nicht jedem Esel Platz". Der andere verläßt den Bürgersteig mit den Worten: "Ich aber".

Das ist leider nur eine Anekdote. In Wirklichkeit sieht es auf unseren Gehsteigen ganz anders aus. Man eilt aufeinander zu - aber nicht, um sich kennenzulernen, sondern um Vorfahrt zu erzwingen. Auf Zebrastreifen stürmen die eben noch brav Wartenden plötzlich in die Gegenrichtung los, das Wechselfieber ist ausgebrochen, und manchmal hilft dabei ein Schirm oder Spazierstock. Nur wenige wollen ausweichen, etliche dagegen müssen klein beigeben, weil sie älter oder schwächer sind. [mehr]

 

Banausen und andere Kunstfreunde

Deutschland ist das Land der Dichter und Denker! Gewiß, wer wüßte es nicht. Die Kunst wird hochgehalten, und von ihren Schöpfern wird nur mit allergrößtem Respekt gesprochen. Welches Ansehen Künstler tatsächlich hierzulande haben, ist mir an einem häßlichen Beispiel gerade wieder einmal deutlich geworden. Eine Malerin hatte mit dem Manager eines großen Hotels ihrer Stadt, nennen wir es Mainz City-Hilton, eine Vernissage ausgemacht. Zwei Wochen vor dem vereinbarten Termin kam sie noch einmal ins Hotel, um sich die Räumlichkeiten anzusehen. Ein paar Kleinigkeiten waren noch zu besprechen. Es galt, ein paar Flaschen Sekt und Saft kalt zu stellen, um die Gäste einigermaßen bewirten zu können. [mehr]

 

Wie man Supermillionär wird

Wie man schnell und ohne große Umstände reich wird, wollte ich schon immer wissen. Die großformatigen Anzeigen in gewissen Magazinen ziehen mein Interesse seit jeher an. Diese magischen Sätze "Wie man mühelos Millionär wird". Untertitel: "Amerikanischer Supermillionär öffnet sein Geheimdossier". Da krallt sich der Blick fest, da muß man weiterlesen. Freilich kommen mir schon beim "Supermillionär" gewisse Bedenken. Ist das ein Milliardär? Oder besitzt er nur eine Million und findet das super? [mehr]

 

Monologitis

Gestern abend in einer Veranstaltung mit Studenten: einer ergreift das Wort, läßt einige Sätze hören, sagt, wie er das Stück Literatur findet, um das es gerade geht. Danach spricht ein anderer, erklärt, wie er die Sache sieht. Anschließend spricht eine junge Frau und macht weitschweifig deutlich, welcher Auffassung sie ist. [mehr]

 

Heilsame Lektüren

Als Franz Schubert auf dem Sterbebett lag, hatte er nur einen Wunsch: sein Freund Schober sollte ihm aus einem Abenteuerbuch vorlesen. Arthur Schopenhauer, professioneller Pessimist, sah einen Lichtstrahl in seinem Leben: "Ohne Bücher wäre ich längst verzweifelt". Und Gotthold Ephraim Lessing teilte kurz und bündig mit, was Lesen bedeutet: "Sich wärmen an fremden Feuern". [mehr]

 

Geld und Ruhm

Kürzlich hat mir ein hoffnungsfroher und geplagter Nachwuchsautor wieder einmal eine jener Fragen gestellt, die ich meide wie die Pest. Der Nachwuchsautor ist freilich nicht mehr der Jüngste, und darum ist er auch geplagt. Denn er hat bis jetzt noch kein Buch veröffentlicht, die Zeit verrinnt, irgendwann muß doch der Durchbruch geschafft werden. Was ich denn, wollte er wissen, von den Verlagen halte, die nach Autoren suchen und die Zusendung von Manuskripten erbitten. [mehr]

 

Wegstrudeln im Denglisch

Bei einem Bummel durch die Stadt ist mir dieser Tage ins Auge gesprungen, woran man sich schon zu gewöhnen beginnt. Gibt es eigentlich irgendwo noch eine Bäckerei? Oder heißen jene Geschäfte, in denen man Brot und Brötchen kaufen kann, alle schon "back-shops"? Die althergebrachte Parfümerie existiert auch nicht mehr. Moderne Menschen treffen sich am "beauty point" und lassen sich Düfte um die Nase blasen, die natürlich zu einem "nice price" verkauft werden. Das ist vielleicht ganz nett, aber noch netter wird es, wenn man sich in einem Kaufhaus nach einer Lichtgirlande erkundigt. Dann heißt es ganz selbstverständlich: "Ah, Sie meinen das nice light". Als wäre Deutsch eine Fremdsprache, die erstmal übersetzt werden muß. Man fühlt sich ertappt und gesteht errötend, daß man eben das gemeint habe. [mehr]

 

Das Schweigen der Paare

Früher tranken Männer Whisky, rauchten filterlose Zigaretten und konnten Kochwäsche nicht von Feinwäsche unterscheiden. Heute trinken sie alkoholfreies Bier, paffen bestenfalls eine Zigarre und sind imstande, nach dem Einkauf die Fenster zu putzen und anschließend ein wundervolles Spaghetti-Gericht mit herrlicher Tomatensauce und geriebenem Parmesankäse zu kredenzen. [mehr]