In der Presse... Umschlagtext Im Internet... Leseprobe

Der blaue Geschmack der Welt. Roman.

Ein ungleiches Freundespaar auf der phantastischen Suche nach dem Kultautor Carlos Castaneda, eine Odyssee durch die Weiten Amerikas, ein Abenteuer von Freiheit, Liebe und Tod, ein Road-Movie ganz spezieller Art.

dtv-premium, München 2001, 396 Seiten, 15,50 €.

 

In der Presse...

"Man findet in diesem Buch nicht nur eine Menge Weltsicht, sondern auch jede Menge Spannung, Humor und Skurrilität - ein literarisches Roadmovie, das man nicht mehr aus der Hand legt." Originalausgabe dtv-Premium 2001
www.lebenslust.at
 
"An Spannung ist das Buch schwerlich zu überbieten. Teils Abenteuergeschichte, teils Krimi, teils religionsphilosophischer Roman über das Leben als ´Todvertreib´ - Lothar Schöne kreierte ein neues Genre: den spirituellen Reißer."
Werner Schulze-Reimpell, Rheinischer Merkur
 
"Die Schamanismus-Esoterik-Thematik behandelt Schöne ausgesprochen souverän: kenntnisreich, distanziert, herrlich satirisch, aber zum Glück doch nicht so, wie ein Jugendpfarrer sich das wünschen würde. Dieser Autor ist nicht nur ein Könner, er hat auch Substanz."
Holger Jergius, Nürnberger Zeitung
 
"Die Reise zu sich selbst und die hartnäckige Suche nach dem anderen, dem heilen Leben, sind kaum einmal so leicht, mit so vertrauter Offenheit und kriminalistischer Spannung erzählt worden, wie in Lothar Schönes Roman - ein meisterliches Buch."
Gert Ueding, Die Welt
 
Ein dickes Buch und wenig glaubwürdig.
Allgemeine Zeitung Mainz

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Umschlagtext

"Kein Sex, keine Drogen, kein Alkohol!" Mit dieser Devise macht sich Jost Roslack, 38, Journalist, auf eine Reise in die USA. Die Routine in seinem Leben durchbrechen will er, Abstand gewinnen von sich selbst, von seiner Leukämie-Krankheit, von Freundin Sabine - auf der Suche nach einem Mann, dessen Doppelexistenz er bewundert und dessen Geheimnis er ergründen möchte: Carlos Castaneda, weltberühmter Kultautor, und doch unerreichbar.

Daß die Anfechtungen bereits vor dem Start beginnen, damit hat Jost allerdings nicht gerechnet. Neben ihm im Flugzeug sitzt nämlich eine junge Amerikanerin, die nicht nur äußerst attraktiv ist, sondern auch seine Interessen zu teilen scheint. Ihre Wege trennen sich vorübergehend in New York, wo Jost mit seinen Recherchen beginnt. Dann geht es nach Kalifornien, und von nun an wird er von einem Abenteuer ins andere stürzen, unerwartet Besitzer eines blauen Thunderbird werden und den merkwürdigsten Menschen begegnen, darunter einem Freund aus Studientagen. Jost und Gerd sind ein ungleiches Paar, der eine ein schwermütiger Sinnsucher voller Sehnsucht, der andere ein Bruder Leichtfuß und skeptischer Realist. Bald geraten die beiden in Los Angeles und Umgebung in die skurrilsten und bedrohlichsten Situationen, und alle guten Vorsätze sind rasch vergessen.

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Im Internet...

...finden sich vieleWebseiten mit Informationen über Castaneda, von denen hier einige exemplarisch aufgeführt seien. Auf die Inhalte der Seiten haben wir keinerlei Einfluß:

Webseiten über Carlos Castaneda

http://www.carlos-castaneda.de/ Magische Bewegungen
http://www.psycom.com/metaphysics/castaneda.htmlnotes on the works of Carlos Castandea
http://www.discovery.org/lewis/carlos.html In The Footsteps of Carlos Castaneda

Jüngste Rezensionen zu "Der blaue Geschmack der Welt"

www.welt.de - Ausgabe vom 19/01/2002 "Die Welt"-Leser haben ihr Lieblingsbuch 2001 gewählt.
www.welt.de - Ausgabe vom 26/01/2002 Gott liebt Geschichten! - "Die Welt"-Rezension über "Der blaue Geschmack der Welt"
www.magazin-nachtmensch.de Rezension über "Der blaue Geschmack der Welt"
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Leseprobe

Das Kühlmonster im Hotelzimmer war an allem schuld. Noch nie hatte Jost Roslack mit einer durchgedrehten Klimaanlage kämpfen müssen. Er hatte alles versucht, sie in die Knie zu zwingen. Ihre Knöpfe lockergedreht, ihre Eingeweide wachgerüttelt, sie beschimpft - und doch blies sie unentwegt kalte Luft ins Zimmer. Seine Nase blähte sich, und ein Luftstoß entfuhr ihr, dessen Lautstärke selbst Roslack zusammenfahren ließ. Kein Zweifel, er nieste. In einer Eiswüste hatte er schlafen müssen, von Polarbären hatte er geträumt, die ihn zu einem merkwürdigen Spiel aufforderten. Jeder sollte einen Schneemann bauen. Als er seinem fast fertigen Schneemann eine Mohrrübe ins Gesicht stecken wollte, bewegte der sich auf einmal, er kam auf ihn zugestapft, und Roslack wußte sofort: Das war kein Schneemann, das war etwas Lebendiges. Der Schneemann sprach mit tiefer Stimme zu ihm: »Wach auf! Zeit zu sterben«, packte ihn und wollte ihn ins Eiswasser werfen. Roslack fuhr im Bett hoch und wischte sich über die schweißnasse Stirn. Er fühlte einen Eiszapfen an der Nase, wollte ihn abbrechen und stellte fest, daß die Nase selbst der Zapfen war. Im Paramount, sagte er laut, braucht man eine Eisversicherung, bevor man einzieht. Er überlegte, ob er den Flügelschlagenden Vogel machen sollte, doch bei dieser Zimmertemperatur würde er doch nur mitten in der Übung festfrieren. Er beschloß, nach unten zu fahren. Aus Sibirien in den Dschungel von Manhattan. Nachdem er sich von Benny getrennt hatte, wollte er die Agentin anrufen, stellte aber fest, daß er ihre Telefonnummer nicht bei sich trug. Er ging zum Hotel zurück, spürte im Zimmer seine Erschöpfung und streckte sich zum Ausruhen aufs Bett. Er mußte eingeschlafen sein. Und jetzt mußte er schleunigst auftauen und Barbara Tempeler anrufen, die Literaturagentin, die ihm auf seinen Brief geantwortet hatte: Sein Vorhaben sei schwierig, vielleicht gefährlich. Castaneda sei ein Geheimnis. Rufen Sie mich an, wenn Sie in New York sind, hatte sie ihm mitgeteilt. Er telefonierte von der Eingangshalle aus und ließ es sechsmal klingeln, doch am anderen Ende meldete sich niemand, nicht einmal ein Anrufbeantworter. Roslack verließ das Hotel. Er würde die Agentin von unterwegs aus anrufen. Er mußte sie sprechen. Viel Zeit blieb ihm nicht. Die Maschine nach Los Angeles ging am nächsten Tag. Er atmete die Luft der Metropole ein und spürte seine alten Lebenskräfte. Das hier war Manhattan, er stand mittendrin, und er wollte die Stadt schmecken. Er erinnerte sich an Ellen aus dem Flugzeug. Die Twins hatte sie ihm empfohlen. Vielleicht wohnte sie sogar dort. Er nahm die U-Bahn, legte seine Hände mit den ringlosen Fingern auf seine Knie und wahrhaftig, es passierte nichts. Kein Überfall, kein Raubzug. Es blieb bei fünf Fingern an jeder Hand. Als er auf der Plaza vor den Zwillingstürmen stand, wurde ihm schummrig. Er erkannte die wahren Dimensionen, selbst eine Ameise und darüber die Türme der Unendlichkeit. Um ihn herum wimmelten andere Ameisen, die in dem großen Haufen ihr Ziel genau zu kennen schienen und zielsicher dorthin strebten. Der Fahrstuhl flog nach oben, nur der Magen fühlte die Schnelligkeit, und kaum hatte sich die Tür geschlossen, öffnete sie sich schon wieder. Hier gab es, las er, Supermärkte und Kinos, Waschsalons und Kaufhäuser, Ärzte und Rechtsanwälte, Theater und Schulen. Wahrscheinlich befand sich im Tiefgeschoß ein Friedhof, den man absenken oder aufstocken konnte. Und irgendwo wurden Kinder geboren, lernten laufen und sprechen und akzeptierten diese Welt, ohne sie ein einziges Mal zu verlassen. Ein geschlossenes System - und lebte er nicht im Grunde in demselben System? Im Dachgeschoß drückte er seine Nase an die Panoramascheibe, eine Wolke zog vorbei, vom Wind getrieben. Er dachte an seine eigene Situation. War es nicht ein Sinnbild, das er sah? Fühlte er sich nicht selbst getrieben, zu dieser Reise, zu jenem Unbekannten, und würde er sich nicht selbst bald auflösen wie jene Wolke und nicht mehr sein? Er spürte das Schwanken des Gebäudes im Wind, der Hudson River war bald nah, bald fern. Unten lag Manhattan und schwankte mit. Auf hoher See befand er sich und konnte glücklich sein, daß kein Sturm über ihn hinwegfegte. So wankte er im schwankenden Turm an die Bar und bestellte einen Orangensaft. Der Mann hinter dem Tresen schaute ihm ins Gesicht und lächelte stolz: »It's great here, indeed«, und Roslack wurde endgültig klar, daß der Architekt dieser Zwillinge ein Illusionskünstler gewesen sein mußte. Als er in sein Zimmer im Paramount zurückkam, klingelte das Telefon. Eine Frauenstimme meldete sich und fragte, wie es ihm gehe. Wer sie denn sei? fragte er zurück. Die Stimme antwortete keck: »Susan, hier ist Susan. Sie erinnern sich doch.« Er erinnerte sich nicht, aber murmelte etwas, das entfernte Ähnlichkeit mit einem »Ja, sicher« hatte. Die weibliche Stimme am anderen Ende lachte leise und fragte, ob er sie sehen wolle und noch interessiert sei.

»Interessiert . . .«, wiederholte Roslack und hörte sich als nächstes sagen: »Warum denn nicht.« »Kommen Sie heute abend zu Phebe's«, sagte Susan, »fragen Sie nach Angel Dust.« Die Unbekannte hatte längst aufgelegt, als er endlich fragte: Was ist Phebe's? Eine halbe Stunde später gab ihm der Portier die Antwort. Phebe's Place sei ein Lokal im Village, ein Speak Easy »Was bedeutet Speak Easy?« Der Portier legte den Zeigefinger an den Mund und grinste: »Feuchte Gegend.« Die Literaturagentin, von der er sich nähere Auskünfte versprach, war nicht zu erreichen. Er hatte es von unterwegs versucht und von seinem Zimmer aus. Sie meldete sich nicht. Roslack faßte es nach einigem Überlegen als Omen auf. Er sollte sie nicht antreffen, er benötigte sie nicht. Aber er durfte nichts unversucht lassen. Er nahm den Hörer zur Hand und wählte eine andere Nummer. Der Verlag Harper Collins meldete sich. Er fragte nach Michael Radko. Nach einer Schaltpause meldete sich eine sonore Männerstimme: »Radko.« Roslack erklärte dem Lektor, wer er sei und was er wolle. Wie er Castaneda erreichen könne? Am anderen Ende trat Stille ein.

»Sind Sie noch dran?« fragte Roslack. »Sicher«, brummte Radko und fuhr fort: »Sie haben sich da etwas Verrücktes vorgenommen. Ich habe selbst niemals mit ihm gesprochen.« »Er ist also völlig anonym geblieben?« »Es gab keine Telefonanrufe und keine E-Mails. Alles wurde brieflich erledigt und per Postfach.« »Ist Ihnen das nicht unwirklich vorgekommen?« »Was heißt das schon? Die Realität ist auch nur eine Fiktion, das sollten Sie doch wissen.« »Ja, aber waren Sie nie daran interessiert, ihn kennen zu lernen? « »Nein. Mir gefällt es, daß er versteckt bleibt. Er gibt der Öffentlichkeit einen Tritt in den Hintern. « »Es gibt Leute, die das für einen guten Trick halten.« »Es ist nur unangenehm für seinen Agenten, weil sein Autor lukrative Fernsehangebote ausschlägt.« »Kennt der Agent ihn?« »Er verkehrt mit ihm auch über Postfach, soviel ich weiß.« »Können Sie mir die Adressen geben?« »Einen Moment«, sagte Radko, und in der Leitung wurde es still. Er müßte beiden schreiben, überlegte Roslack. Castaneda hatte er schon einmal geschrieben, aus Deutschland. Er hatte den Brief an den Verlag adressiert und um Weitersendung gebeten, aber nie eine Antwort erhalten. Es nagte ein wenig der Zweifel an ihm. Hatte dieser Radko seinen Brief überhaupt weitergeschickt? Würde er ihm jetzt die richtigen Adressen geben? Immerhin, die Anonymität hatte bestimmt zum Erfolg der Bücher Castanedas beigetragen, vielleicht war alles lediglich ein großangelegter Public-Relations-Coup . . . und der Verlag steckte mit dem Autor unter einer Decke. Er hörte ein Räuspern in der Muschel.

»Notieren Sie«, sagte Radko, »der Agent heißt Peter Boyle, den anderen Namen kennen Sie.« Und dann nannte er ihm zwei Postfachadressen in Los Angeles. Roslack bedankte sich, legte auf und setzte sich sofort an das wacklige Tischchen neben dem Kühlmonster, das seinen furchterregenden Dienst eingestellt hatte. Er mußte zwei Briefe verfassen. Dem Agenten zu schreiben war einfach, er bat um ein Interview mit dessen berühmtem Autor, gab sich selbst als ethnologischer Fachmann aus, der für verschiedene Publikationen arbeitete, und nannte ihm als Kontaktadresse und Telefonnummer die von Evelyn und Jim in Orange County jene Gasteltern seines Freundes Gerd Jonndau. Es war doch gut, stellte er zufrieden fest, mit ihm einen Treffpunkt vereinbart zu haben. Der Brief an Castaneda war schwerer. Er teilte ihm mit, daß er all seine Bücher gelesen und eine Reihe von Fragen habe, mit denen er sich stark beschäftige. Seine Fragen beträfen nicht allein seine Bücher, sondern seine . . . er suchte nach der passenden Vokabel und wählte schließlich viel of life. Er sei Deutscher, fügte er hinzu, Deutschland habe eine reiche mystische Tradition, und er glaube, daß es Parallelen gebe zu der Philosophie des Don Juan in seinen Büchern. Er strich das Wort philosophy und ersetzte es durch search for knowledge. Zuletzt bat er ihn um ein Gespräch in Los Angeles oder irgendeinem anderen Ort. Vielleicht muß ich nach Mexiko, nach Chihuahua oder Aguascalientes oder einem anderen unaussprechlichen Ort, vielleicht wartet er auf einem Berggipfel der Sierra Madre auf mich, dachte Roslack. Vielleicht muß ich meinen Kraftplatz suchen oder einen Kampf mit dem Verbündeten wagen. Und wie würde der Verbündete aussehen? Er konnte schrecklich sein, vielleicht war es aber auch nur ein Nachtfalter. Er las den Brief noch einmal durch. Er mußte ihn auf einer Schreibmaschine oder einem Computer abtippen, aber wenigstens hatte er ihn schon formuliert. Vielleicht konnte ihm Benny mit seinem Laptop aushelfen. Gegen acht Uhr abends machte sich Roslack auf den Weg. Die Neugier trieb ihn. Vielleicht war Susan eine wichtige Kontaktperson für ihn, und er wußte es bloß noch nicht. Phebe's lag in Greenwich Village, zu Fuß von der U-Bahn-Station nur ein paar Minuten, er fand es schnell. Warum hatte Susan von Angel Dust gesprochen? War es ihr Spitzname? Am Ende hieß sie tatsächlich so. In dieser Stadt war nichts unmöglich. Er setzte sich an den Tresen, an dem drei Männer aufgereiht wie Hühner auf der Stange saßen. Phebe's schien auch ein Speiserestaurant zu sein, die Tische waren gedeckt, aber nur wenige besetzt. An einem saßen zwei Frauen um die Vierzig, die miteinander flüsterten, an einem anderen spreizte sich ein dicklicher Mann, der seine Zigarre wie einen Zeichenstock benutzte, um einer lauschenden Lady neue Kunst zu demonstrieren. Niemand, der auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einer Frau namens Susan gehabt hätte. Der Barkeeper wirkte wie eine Kreuzung aus Clark Gable und Cary Grant und begann auffordernd zu lächeln, als sei eine versteckte Kamera auf ihn gerichtet, von der nur er wußte. Roslack bestellte ein Bier. Der Barkeeper brachte es ihm und wollte wissen, ob er noch etwas für ihn tun könne. Roslack räusperte sich, warf einen Blick in die Runde und fragte, ob er Susan kenne. Der Barmann schürzte die Lippen. Er kenne einige Susans, wo sie spiele. Was er mit spielen meine, fragte Roslack.

»In welchem Theater, in welchem Stück?« »Keine Ahnung.« »Sie ist doch Schauspielerin, oder?« Das wüßte er auch nicht. Das Lächeln des Barkeepers war schmaler geworden. Ausgerechnet jetzt, wo es drauf ankam, vergaß er die Action. Als hätte der Keeper seinen Gedanken erraten, begann er wieder breit zu lächeln. Hier kämen vor allem Theaterleute her, einige Blocks weiter sei das La Mama, ob er es kenne? Nein, behauptete Roslack, aber das war ein Fehler, denn nun begann der Barmann ihn über das Off-off-BroadwayTheater zu unterrichten. Roslack schaute sich um. Die flüsternden Frauen waren gleichzeitig in die Offensive gegangen und ziemlich laut geworden. Die Begleiterin des Dicken mit der Zigarre hatte sich nach hinten gelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, und ihr geschlitzter Rock zeigte einen klassisch geformten Oberschenkel. Ein gutaussehender junger Glatzkopf rief vom andern Ende der Theke: »Tony, komm doch mal! « La Mama, dozierte der Barmann, habe zwei Bühnen, sei avantgardistisch und doch erfolgreich, Karten müsse man zwei Wochen vorher bestellen. »Vielleicht«, sagte Roslack in eine kleine Sprechpause hinein, »hat Susan einen Künstlernamen, vielleicht heißt sie . . . Angel Dust. « Die Pause wurde länger. Tony schaute ihm direkt und unerwartet lang ins Gesicht. Dann fing er an zu lachen, gerade so laut, wie es sich in einem Restaurant dieser Art gehörte, aber doch mit Überzeugung. Roslack überlegte, ob vielleicht tatsächlich eine Kamera hinter einer spanischen Wand stand und es sich um eine Filmszene handelte. Er war in einem Schauspieler-Restaurant gelandet, und mit ihm wurde eine Theken- und Lachszene gedreht. Immerhin hatte Mister Gable-Grant ein vorzügliches Gebiß, das er ausführlich bewundern konnte. Als sein Lachen langsam abebbte, grinste er ihn an: »Sie sind kein New Yorker. Aber das war trotzdem gut. Ich nehmt Sie in mein Buch der coolen Leute auf.« Er stellte ein kleines Glas vor ihn und schenkte aus einer braunen Flasche ein. Dann flüsterte er Roslack zu: »Für fünfzig Dollar gehört sie Ihnen.«

»Fünfzig Dollar?« »Ja«, lächelte Tony, »soviel kostet sie.« »Jetzt? Sofort?« »Sicher«, nickte Mister Gable-Grant. Roslack drehte sich auf der Hühnerstange ins Lokal. Keine Susan in Sicht. Auch die Geschlitzte zwinkerte ihm nicht zu. »Okay«, antwortete er und zog fünf Zehn-Dollar-Scheine aus seiner Brusttasche. Der verkappte Filmstar verschwand durch eine schmale Tür. Roslack roch an seinem Gläschen und schaute in die Runde. Der Dicke hatte seine Zigarre in den Mund gesteckt und paffte Kringel. Die geschlitzte Lady hatte sich nach vorn gebeugt, was ihrem Schlitz weitere Pracht verlieh. Die Tür zur Straße ging auf und ein Paar, das wie Bonny und Clyde aussah, betrat das Lokal. Wo blieb Tony Gable-Grant? Kaute er seine Zehn-Dollar-Scheine auf Echtheit durch, entführte er Miß Angel Dust von einer Orgie oder schob er ihr die Scheine, einen nach dem andern, unter ihrer Tür durch, während sie im Wasserbett mit zwei Lovern Lustschreie in die Welt entließ? Roslack erschrak plötzlich. Er hatte eine Nutte für fünfzig Dollar über einen Barmann in Greenwich Village angeheuert! Mister Gable-Grant kam durch die schmale Tür zurück. Sein Blick schweifte durch das Restaurant, er begrüßte Bonny und Clyde, die sich an einen Ecktisch zurückgezogen hatten. Dann kehrte er hinter die Theke zurück, näherte sich Roslack beiläufig, schob ihm ein Tellerchen mit Erdnüssen und eine Serviette zu. »Servietten sind immer gut.« Roslacks Finger näherten sich dem Papiertuch, berührten es, tippten darauf herum. Sie fühlten etwas Hartes. Langsam krochen seine Finger unter die Serviette. Da war eine flache, streichholzlange Schachtel. Tony mixte einen Drink. Roslack schaute ihn verwirrt an. »Angel Dust«, murmelte Mr. Gable-Grant, »Angel Dust, wie sie leibt und lebt.« Und er zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

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